Man kann ihnen auch einfach zuhören

Man kann ihnen auch einfach zuhören

Zur Arbeit der Weberin und Textildesignerin Isabel Bürgin


Isabel Bürgin webt. Und sie entwirft. Sie läßt Teppiche, Decken und Schals entstehen, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Seit vielen Jahren beobachte ich, wie sie ihre Arbeit konsequent weiterentwickelt und gleichzeitig immer wieder überrascht. Überraschend ist die Zusammenstellung der Farben. Überraschend ist auch die Dosierung der Farben. Und überraschend ist, wie aus einem fein abgestuften Zusammenspiel von Material, Farben und Mustern ein ruhige und doch bewegte Fläche entsteht. Eine Monochromie, die beim näheren Betrachten ein reiches Spiel von Farben und Rhythmen entfaltet. Es ist eine klare und subtile Handschrift, mit der in diesen Arbeiten Gegensätzliches in eine Balance gebracht und zu einer ruhigen Bewegtheit, farbigen Monochromie, reichen Einfachheit geformt wird.

Was sich in diesen Stücken auf erstaunliche Weise verbindet, sind gegensätzliche Qualitäten : weich und fest, warm und kühl, glatt und rauh, leicht und dicht.


Anfänge

Isabel Bürgin begann 1986, Teppiche für den Verkauf zu weben. Damals stellte sie ausschließlich Unikate her. Mit dem sch-nur-zufall, einem Teppich aus korsischem Ziegenhaar und Recyclingschnur, begann sie 1992, ihre Kollektion aufzubauen. Es war ihr erster reproduzierbarer Teppich, der bis heute in verschiedenen Größen und Farben erhältlich ist. Seitdem entwickelt sie ein reproduzierbare Serie von Unikaten, die Variationsmöglichkeiten anbieten. Teppiche für unterschiedliche Bedürfnisse und Zwecke, die auf Bestellung produziert werden. Regelmäßig kommen neue Stücke hinzu. Seit 2003 sind es mehrere Serien von Wolldecken und seit 2011 auch eine kleine Kollektion von Alpaca-Schals.

Parallel dazu arbeitet sie auch für industrielle Produktion. Im Auftrag für das deutsche Label Utensil und das Schweizer Unternehmen Interio entwirft sie Baumwolldecken, die maschinell hergestellt werden. Decken mit einem schlichteren Design, die aber unverkennbar ihre Handschrift tragen.


Der Griff

Wolle, Sisal, Ziegenhaar und Recyclingschnur sind die Materialien, aus denen die Teppiche, Decken und Schals entstehen. Traditionelle Naturmaterialien, die unterschiedliche Festigkeiten und Konsistenzen mit sich bringen. Für die Teppiche werden häufig Materialien kombiniert: Sisal und Ziegenhaar, Schafwolle und Ziegenhaar, Recyclingschnur und Ziegenhaar. Die Eigenschaften der Materialien verbinden sich in strapazierfähigen Geweben von festerer oder weicherer Beschaffenheit. Vom reinen Ziegenhaarteppich, dem Sikohazi oder der Zicke auf der einen bis zum reinen Wollteppich, dem Weichling und dem Bastard auf der anderen Seite. Die feste Schweizer Wolle wird für Teppiche und robuste Wolldecken verwendet. Die Produkte dagegen, die direkt mit der Haut in Berührung kommen, die Schals und die Decke AmA, werden aus einer besonders feinen peruanischen Alpacawolle gewoben. Die Oberfläche dieser Decken und Schals ist angenehm kühl. Vor allem aber wärmen diese Stücke unverzüglich, sobald man sie über sich legt oder sich einhüllt. Und weiter ist es faszinierend, wie weich und gleichzeitig fest sich diese Stücke anfühlen und wie genau hier eine angenehme und doch robuste Gewebestruktur getroffen ist. Tatsächlich ist es der Griff, der für Isabel Bürgin zu allererst wichtig ist. Wie fasst sich das an, wie hält das Gewebe den Händen, Füßen, Tisch- und Stuhlbeinen über Jahre hin stand. Erst wenn der Griff, die richtige Festigkeit und Dichte des Gewebes durch viele Versuche gefunden ist, kommen Farbe und Muster zur Entscheidung.


Rohweiss, schwarz, braun und

Sisal, Wolle, Ziegenhaar und Recyclingschnur sind Materialien, die ihre eigenen Farben mitbringen: rohweiß, schwarz und braun. Viele der Produkte Isabel Bürgins gehen von diesen Naturtönen aus. Manchmal bleibt es ausschließlich dabei. Oft aber werden diese Grundtöne mit ein oder zwei kräftigen Farben kombiniert, wie beispielsweise in der Decke AmA. Manchmal kommen auch so viele Farben hinzu, daß keine einzige davon dominiert, mit dem Effekt, daß sich ein solches Stück in fast alle Umgebungen von allein einbettet. Manche der Farbkombinationen sind so überraschend und so schön, als seien sie zufällig oder absichtslos entstanden. Bei anderen aber ist es die Dosierung des dritten oder vierten Farbanteils, die durchscheinen läßt, daß ein Akzent, der aus einem einzigen anders farbigen Faden bestehen kann, sehr bewußt gesetzt wurde. Solch ein anders farbiger Faden irgendwo mittendrin wirkt aus der Entfernung zunächst wie eine kleine Unregelmäßigkeit, irritiert das Auge unversehens und führt es an dieser Stelle in einen anderen Farbklang, der umso stärker wirkt, als er nur an dieser einen Stelle, irgendwo mittendrin ausfindig zu machen ist. Der schmale rot-grüne Streifen mitten in den schwarz-weißen Musterungen der Decke AmA zum Beispiel hat geradezu eine kleine Schockwirkung. Während hier der sparsame Einsatz der Farbe den Effekt ausmacht, ist es in der Decke wollok der verschwenderische Umgang mit mehreren starken Farbtönen, die in einem durchbrochenen Längsstreifenmuster zusammen- und in farbigen Kordeln an den Enden der Decke ausklingen. Erstaunlich, wie in Isabel Bürgins Stücken oft Farben zusammenwirken, die bei näherem Hinsehen unvereinbar, ja dissonant scheinen. Bei ihr aber werden sie mit traumwandlerischem Gespür miteinander zum Schwingen gebracht. Die vielen feinen Fäden relativieren sich gegenseitig und durch das Farbspiel ihrer ober- und unterseitigen Durchdringung entstehen Schimmerwirkungen von großer Kraft.


Zwei Seiten

Daß sich die Ober - und Unterseite eines Stückes unterscheiden und gegenseitig bedingen, ist im Webprozess selbst begründet, denn der Faden wird entweder unter oder über die Kette geführt. Isabel nutzt diesen Effekt geschickt in ihren ausgeprägten kleinteiligen Mustern. Ihre Muster sind im Grunde Zahlenspiele aus eins und zwei. Dabei ist entscheidend, in welchen Rhythmen das Schiff unter oder über den Kettenfäden hindurch geschoben wird. Auf diese Weise entsteht ein rhythmischer Positiv-Negative-Effekt der beiden Seiten, der gut deutlich wird, wenn eine Decke nicht ordentlich gefaltet sondern hingeworfen daliegt und sich Ober -und Unterseite in einem feinen Changieren der Muster ergänzen und kontrastieren.

Im Teppich Mischling setzt Isabel Bürgin das Zusammenspiel der Unter- und Oberseite ganz explizit ein, indem sie die eine Seite des Teppichs aus farbiger Wolle und die andere aus rohweissem oder dunkelbraunem Ziegenhaar weben lässt. Die Bindung der beiden Materialien bewirkt nun, daß die unterseitige Farbe der bunten Wollfäden ein wenig durch das oberseitige Ziegenhaar hindurch scheint und eine subtile unregelmäßige Musterung entsteht. Zusätzlich tritt eine farbige vertikale Achse hervor, die sich aber nicht hart vom Grundton absetzt, sondern durch eine veränderte Bindung unregelmässig aus ihr hervor schimmert. Es ist faszinierend, wie leise die Farbe hier wirkt und wie selbst bei einem so festen und dichten Material wie Ziegenhaar ein Eindruck von Transparenz entsteht.


Rhythmen

Beim Weben werden die Fäden horizontal mit dem Schiff durch die vertikal aufgespannte Kette geschickt. Der einfarbige Teppich Weichling bildet diese rhythmische Struktur des Webvorgangs deutlich ab. Die Webstruktur selbst bewirkt eine reliefartige Oberfläche, auf der sich je nach Lichteinfall feine Schattierungen ergeben.

Bei mehrfarbigen Stücken ist es entscheidend, wie die farbigen Fäden zu Mustern und Feldern rhythmischer Binnenstrukturen zusammengefügt werden. Sobald verschieden farbige Garne verwendet werden, entstehen beim Webvorgang Streifen. Und eben diese bekannten horizontalen Streifenmuster finden sich in Isabel Bürgins Stücken nicht. Fast und auf verblüffende Weise verschwinden die Streifen, aber eben nur fast, denn als rhythmisches Element bleiben sie subtil präsent. Die kleinteiligen Muster entstehen vor allem in der ausgetüftelten vertikalen Anordnung der farbigen Fäden und der Balance von Vertikale und Horizontale. In der Vielfältigkeit dieser Muster verliert sich der Blick. Es ist, als fingen die Teilchen an, sich zu bewegen, besonders wenn eine Decke nicht ordentlich zusammengelegt, sondern als Knäuel da liegt - eine Landschaft mit eigener Topographie, Tälern und Hügeln mit Licht- und Schattenwürfen. Die statische Ordnung der kleinteiligen Muster scheint sich in ein feines Pulsieren zu verwandeln, in das man eintauchen und in dem man versinken kann.


Stimmengewebe

Es ist dieses ruhige Spiel der Muster, das mich an die Musik Morton Feldmans denken läßt. Zum Beispiel an sein Werk Three Voices für Stimme und Zuspielband aus dem Jahr 1982. Über einen 50minütigen Zeitraum wird darin ein komplexes Spiel von drei Stimmen derselben Person entfaltet. Zwei davon sind auf Tonband aufgenommen, die dritte wird live gesungen, so daß sich die drei Stimmen in einem Maße mischen wie es drei verschiedene Stimmen niemals zustande brächten.

Sie überlagern und durchdringen sich in einem fortlaufenden Spiel aus Wiederholung und Veränderung, ähnlich wie in Isabel Bürgins Arbeiten. Morton Feldmans Interesse für alte Kelims, für ihre Muster und Webtechniken ist bekannt. Er soll sich in seiner Arbeitsweise an diesen alten Herstellungstechniken orientiert haben, indem er sich ohne einen architektonischen Plan von einem zum nächsten Muster schrieb und sich mit der Zeit voran arbeitete. Rhythmische Muster werden gegen- und zueinander gesetzt, leicht verschoben und umgekehrt. Mit andauernder Sorgfalt und mit großer Leichtigkeit. Und eben darin sehe ich eine Parallele zu Isabel Bürgins Decken, Teppichen und Schals. Es sind sorgfältig hergestellte Kompositionen. Gebrauchsgegenstände, die über eine lange Zeit hin dauern und halten können. Man kann ihnen auch einfach lange zuhören.


Marianne Schuppe, März 2016






























































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